Tara - Bedeutung und Darstellungsformen

Nachfolgend haben wir für sie die Beschreibungen der bekanntesten Darstellungsformen bzw. die Grundformen der Tara zusammengestellt. Darunter zählen die Weiße Tara, die Grüne Tara, die Rote Tara sowie die Blaue Tara. Die Bedeutung der gelben oder goldenen Tara wird bei Gelegenheit noch ausführlicher beschrieben.

Wörtlich übersetzt bedeutet Tara „die Retterin“. Im Buddhismus gilt die Tara u. a. auch als eine Ausstrahlung des Bodhisattva Avalokiteshvara, nach den Überlieferungen soll sie aus einer seiner Tränen entstanden sein, die er aus Mitgefühl mit allen Wesen vergoss. Aus diesem Grund gilt Tara bis in den heutigen Glauben hinein auch als die Essenz des Mitgefühls.
Ebenso vereinen die Manifestationen der Tara in sich die Funktionen des Schützens und Inspirierens.

Des Weiteren gilt sie zudem als Göttin der Askese und Lehrerin der Weisheit, die aus den Verstrickungen der Welt des Samsara (der immerwährenden Zyklus des Seins) hinausführt. In

Die Tara-Praxis ist bis heute hinein in allen vier Traditionen des tibetischen Buddhismus sehr verbreitet. Aus der Sicht des tibetischen Buddhismus ist Tara eine verwirklichte Dakini (Himmelswandlerin), ebenso gilt sie als weibliche Manifestation des Mitgefühls der Buddhas.

Bronzefigur einer weißen Tara Ende 20. Anfang 21. Jahrhundert.
Ursprung und Legende
Ihren Ursprung fand Tara als indische Sternengöttin im 3 Jahrhundert im indischen Raum, sie wurde zu dieser Zeit in das Pantheon des indischen Mahayana-Buddhismus eingegliedert.
Ihre Verehrung breitete sich im 6. Jahrhundert von Nordindien nach Tibet und Java aus und wurde dann im 8. Jahrhundert mit der Übertragung des Buddhismus in Tibet eingeführt.

Nach den Überlieferungen des tibetischen Buddhismus war Tara vor langer Zeit als eine Prinzessin inkarniert, die unentwegt für das Wohl der fühlenden Wesen arbeitete. Als die Tara die höchste Stufe der Verwirklichung erlangte, teilte ihr ein Mönch in spöttischen Worten mit,  das sie von nun an bewusst im (vermeintlich) günstigeren männlichen Körper inkarnieren könne, da der Weg zur Erleuchtung in einem Körper einer Frau doch eher hinderlich sei.
Die Prinzessin gab das Versprechen ab, ab diesem Tage ausschließlich als Frau zu inkarnieren, um Erleuchtung in einem weiblichen Körper zu erlangen. Nach dem Erreichen ihres Zieles wurde sie in Tibet als die Befreierin Tara bekannt und diente fortan zur  Inspiration für Generationen von Praktizierenden beiderlei Geschlechts. Tara demonstrierte mit ihrem Handeln, dass ein weiblicher Körper in gleicher Weise zur Erleuchtung befähigt ist, wie ein männlicher.

Darstellungsformen, Ausstrahlungen und Bedeutungen der Taras
Die Darstellungsformen der Tara können ein wenig variieren, jedoch wird diese meist und bis auf einige Ausnahmen als Weisheit und Güte ausstrahlende, barbusige, die Hände meist in Mudra-Haltung symbolisierende, meist auf einem Lotusthron sitzende Frau dargestellt.

Ursprünglich gab es fünf verschiedene Grundformen (weiß, grün, blau, rot und gelb) die in zahlreichen Varianten dargestellt wurden/werden. Die Weiße Tara steht für die Befriedung von Krankheiten und dem vorzeitigen Tod. Die Grüne Tara personifiziert alle Tara Aktivitäten, sie steht für das Mitgefühl und Ängste beseitigen. Die dunklen, blauen oder schwarzen Taras konzentrieren sich auf die schützende Aktivität. Die roten Formen der Tara konzentrieren sich auf die anziehende und faszinierende Aktivität. Die gelben oder goldene Formen der Tara drücken die Aktivität des Verdienstes aus.

Zu diesen fünf Grundformen kommt eine Gruppe von 21 regenbogenfarbenen Taras. Diese zeigen die 21 verschiedenen Formen der Tara und ihre Aspekte der mitfühlenden Aktivität. Je nach ihrem Aspekt tragen die Taras als friedvolle Manifestationen Bodhisattva-Schmuck oder als kraftvoll-schützende Manifestationen Dharmapala-Ausstattungen. Die meisten der 21 Manifestationen der regenbogenfarbenen Tara sind friedvoll, einige erscheinen jedoch auch zornig und furchtbar, in diesen Formen besiegt Tara Mara und zerstört somit den Geist des Bösen.

Von allen Darstellungsformen der Tara ist die Grüne und die Weiße Tara die bekannteste Darstellungsform.

Die grüne und die weiße Tara sind der Legende nach die zwei Gemahlinnen des tibetischen Königs Songtsen Gampo, der im 7. Jahrhundert regierte. Die chinesische Prinzessin Wen Cheng (weiße Tara) und die nepalesischen Prinzessin Bhrikuti (grüne Tara) begeisterten den König für die Lehre Buddhas und waren die Ersten, die den Brauch der Statuenherstellung in Tibet verbreiteten. Prinzessin Wen Cheng brachte 641 n. Chr. auf ihrem langen Weg aus China unter großen Mühen die erste Buddhastatue mit nach Tibet, den berühmten Jowo Shakyamuni, der heute im Jokhang-Kloster in Lhasa zu sehen ist.
Grüne Tara
Die grüne Tara verkörpert das aktive Mitgefühl, ebenso soll sie  vor den acht Arten der Angst schützen. Desgleichen soll sie  die ursprüngliche Weisheit vermehren und wird für ihre wunscherfüllenden Qualitäten gepriesen. Ihr wird eine besondere Schnelligkeit bei der Erfüllung von Wünschen und dem Schutz vor Gefahren zugeschrieben, was letztendlich auch durch ihre zum Aufstehen bereite Sitzhaltung symbolisiert wird.

Bedeutung
Obwohl die grüne Tara auch weltliche Wünsche erfüllen soll, besteht ihr hauptsächliches Anliegen darin, Praktizierende zur Erleuchtung zu führen. In diesem Zusammenhang können die acht Ängste, vor denen die grüne Tara schützt, auch als Symbole für die inneren Hindernisse verstanden werden. Der erste Dalai Lama Gendun Drub verfasste ein Lobpreis auf die grüne Tara, in dem er die Beziehung zwischen den äußeren Gefahren und den inneren Hindernissen beschrieb.

Darstellungsform
Dargestellt wird die Grüne Tara zumeist als friedvolle Erscheinung mit grüner Körperfarbe. Ihr besonderes Kennzeichen ist, dass sie mit ausgestrecktem rechtem Bein (Position der Aktivität) und mit angezogenem linkem Bein (Position der Meditationshaltung) auf dem Lotusthron sitzt. Als  Ausdruck ihrer zahllosen Verdienste ist sie in reiche, meist regenbogenfarbene Gewänder gehüllt und trägt kostbaren Bodhisattva-Schmuck.

In der am meisten verbreiteten Darstellung hält sie in ihrer rechten Hand im Mudra der Freigebigkeit (Handfläche nach vorn ausgestreckt) eine voll entfaltete weiße Lotosblüte. Mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand hält sie auf Herzenshöhe den Stängel einer blauen, halb geöffneten Utpala-Lotosblüte. Jede dieser Blumen hat drei Knospen, womit sie die grüne Tara als Verkörperung der erleuchteten Tatkraft als die Mutter der Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren.

Weiße Tara
Die Weiße Tara ist vor allem mit der Siddhi des langen Lebens verbunden. Im indischen und nepalesischen Raum gilt sie auch als Enthüllerin der Schönheiten des Jenseits.

Bedeutung
Sie symbolisiert die transzendentale Wahrnehmung und die vollkommene Reinheit, gewährt nach den religiösen Vorstellungen ein langes Leben und schützt vor Krankheiten. Ihre sieben Augen symbolisieren höchstes Bewusstsein und ihre Fähigkeit, jegliches Leid schauen zu können. Nach der tantrischen Ikonographie stehen sechs Augen für die Sechs Daseinsbereiche in Samsara und das siebte Auge für die Weisheitswahrnehmung der drei Zeiten (Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft) die aus ihrem verwirklichten Bewusstseinszustand resultieren soll. Auch unterstützt sie dem Glauben nach die Praktizierenden dabei, fortgeschrittene Meditationszustände zu erreichen.

Darstellungsform
Dargestellt wird die Weiße Tara zumeist als friedvolle Erscheinung mit weißer Körperfarbe. Sie hat ein Gesicht und zwei Arme, der rechte ist im Mudra der Freigebigkeit (Handfläche nach vorn) ausgestreckt. Die linke Hand hält in Herzenshöhe den Stängel einer voll geöffneten Lotosblüte. Sie sitzt in Meditations-Sitzhaltung, teilweise auch mit hochgezogenem rechtem Bein auf einem Lotosthron. Als besonderes Kennzeichen gelten ihre sieben Augen; außer zwei Normalaugen und einem Auge auf der Stirn findet sich je noch ein weiteres Auge an den Handflächen und Fußsohlen. Sie trägt den Schmuck eines Bodhisattva.

Rote Tara
Bedeutung
Die Rote Tara heißt auch Kurukulla und repräsentiert die Liebesmacht der Bodhisattva Tara und ist in den Mythen für ihre Fähigkeit bekannt, die Wesen zu verzaubern, widerspenstige Gegner zu befrieden und sie auf ihre Seite zu ziehen. Daher wird sie als Aspekt der Liebe verehrt.

Darstellungsform
Dargestellt wird Rote Tara zumeist mit roter Körperfarbe und mit vier Armen. Sie tanzt im Dakinitanz und zertritt dabei den Asura Rahu (Der, der die Sonne verschlingt). Meist hat sie hat ein Weisheitsauge auf der Stirn, flammenartig hochstehende Haare und ein grimmiges Aussehen. In der Mitte ihrer Krone die aus Totenschädeln besteht befindet sich eine Schriftrolle, manchmal auch ein Abbild Amitabhas. Das rechte Bein der Tara ist im Tanz nach oben gezogen. Mit den Händen ihres ersten Armpaares spannt sie einen aus Lotusblüten bestehenden Pfeil in einem ebensolchen Bogen. Die rechte Hand des zweiten Armpaares hält einen Vajrahaken hoch, mit der linken trägt sie eine aus Blüten geformte Fangschlinge, manchmal auch eine Gebetskette (auch Mala genannt). Sie trägt einen Lendenschurz aus Tigerfell und ist von den Flammen der Weisheit umgeben.

Blaue Tara
Der Name der blauen Tara lautet Ekajati oder auch Ekajata, sie ist eine weibliche und im Gegensatz zu den meisten Tara Darstellungsformen eine oftmals zornvoll dargestellte Erscheinung Taras im tibetischen Buddhismus.

Bedeutung
Die Blaue Tara gilt als eine der mächtigsten und furchtbarsten Göttinnen in der tibetischen Mythologie. Nicht selten erscheint sie als Befreierin im Mandala der grünen Tara.  Die ihr zugeschriebenen Kräfte befähigt sie der Beseitigung der Angst vor Feinden, zudem verbreitet sie Freude und entfernt persönliche Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung. Die Blaue Tara ist die Schützerin der geheimen Mantras und gilt zudem als Mutter Palden Lhamos und Mahakalas. Sie repräsentiert die große, letztendliche Einheit, was durch ihr eines Auge, ihren einen Zahn, den einen Haarknoten etc. ausgedrückt wird.

Darstellungsform
Dargestellt wird die Blaue Tara zumeist mit blauer Körperfarbe und mit hohem rotem Haarknoten. Meist wird sie mit einem Gesicht und zwei Hände dargestellt, jedoch gibt es auch mehrköpfige (mit bis zu zwölf Köpfen, und bis zu vierundzwanzig Armen, mit verschiedenen tantrischen Attributen (Schwert, Messer, blauer Lotusaxt, Vajra)) Darstellungsformen von ihr.

Bei der häufigsten Darstellungsform trägt die Blaue Tara eine Axt oder einen tantrischen Stab (häufig mit einer Leiche) und hält eine Schädelschale in ihren beiden Händen zudem hat zeigt sie in ihrem Haarknoten ein Abbild Akshobhyas.

Die Haltung drückt Tatkraft aus. Mit ihrem rechten Fuß zertritt sie Leichen (als Symbol für das Ego). Ihr Lachen entblößt eine gespaltene Zunge und einen einzelnen, spitz zulaufenden Zahn. Sie ist mit einer Kette aus Totenschädeln, einer Tiger- und einer Menschenhaut bekleidet. Außer ihrem einen Zahn, der einen Brust und dem einen Haarknoten, besitzt sie auch nur ein Weisheitsauge auf der Stirn – die übliche Stelle der Augen wird häufig mit symbolischen Flammen dargestellt.

Die Blaue Tara wird fast ausschließlich zornig dargestellt, es gibt jedoch auch eine friedvolle Form mit dunkelblauer Körperfarbe, einem Gesicht und zwei Armen. In ihren Händen hält sie dann eine Schädelschale und ein Triguk-Hackmesser. Neben ihren beiden natürlichen Augen besitzt sie auch dann das senkrechte Weisheitsauge auf der Stirn. Sie sitzt in der Vajraposition (Lotus-Sitz) auf dem Lotusthron, trägt Bodhisattvaschmuck und ist von Weisheitsflammen umgeben.


Quellen:
STEPHAN BEYER: The Cult of T?r?. Magic and Ritual in Tibet. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1978.
MONIKA GRÄFIN VON BORRIES: Die Weiße Tara. Wencheng – chinesische Prinzessin, tibetische Königin. Logophon, Mainz 1998.
SUSA NIENTIEDT: Mahakala, der große Schwarze, Shri Devi und Ekajata - Ursprung, Ausstrahlungen und Bedeutung. verrückter yogi verlag, Bochum 2007